Rezensionen zu Ausgabe 4

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“VISIONARIUM 4: Rätsel und Wunder”

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Rätselhaft, wundersam & ganz große Klasse

Rätselhaft und wundersam startet das österreichische Phantastik-Magazin ins Jahr 2015. Das Konzept ist seit Ausgabe 1 unverändert, und das ist auch gut so, funktioniert es doch nach wie vor prächtig und zeigt nicht die geringsten Abnutzungserscheinungen. Der allgemeine Qualitätsstandard ist so dermaßen hoch, daß man sich ernsthaft wundert, wie es die Macher dieser Gazette immer wieder schaffen, das Niveau beizubehalten. Auch diesmal sind drei Kurzgeschichten am Start, mit denen ich gleich mal beginnen möchte.

Ein Junge namens Dexter steht im Zentrum von Scott Nicholsons „Hounds of Love“. Sein Elternhaus ist zerrüttet, die Mutter Alkoholikerin, Gewalt steht an der Tagesordnung. Obwohl es ihn schmerzt, gibt er die Gewalt an Tiere weiter, die er anschließend im Wald verscharrt. Doch zu Halloween geschieht etwas Seltsames. Diese so verstörende wie faszinierende Erzählung überzeugt auf allen Linien. Teils Milieuschilderung, teils Coming-of-Age-Drama, teils Horrorschocker, teils Love-Story, Nicholson spielt geschickt mit Erwartungen und Ängsten, beherrscht auch die leisen Töne und endet seine von Tragik umwobene Geschichte auf eine schaurig-schöne Weise, die einen frösteln läßt.

Für Martin, den Protagonisten in Sönke Hansens Story „Maria“, beginnt das Unheil, als er seinen Wagen auf einem Behindertenparkplatz abstellt. Bald findet er sich in einer alten Waldhütte wieder, seinem Entführer auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Nur noch ein Wunder könnte ihn retten, doch mit Wundern ist das halt so eine Sache. Wow, diese Erzählung macht keine Gefangenen, ist schonungslos, krass, unbarmherzig, blutig, grausam, und richtig fies. Eine beinharte Rachephantasie, jedoch nicht ohne (pechschwarzen) Humor und einem bösen Twist.

Mike Jansens Kurzgeschichte „Auftrag in Amlwch“ bietet einen wunderbaren Kontrast zu Sönke Hansens splattrigem Mini-Epos. Der Londoner Polizist James of Wheatfen wird anno 1881 nach Amlwch, der nördlichsten Stadt von Wales, versetzt, um das rätselhafte, spurlose Verschwinden eines angesehenen Mannes aufzuklären. Jansen erweist mit seiner akribisch recherchierten und mit Unmengen an Details gespickten Erzählung den großen, alten Meistern der Schauerliteratur die Ehre. Die düstere Atmosphäre trieft zwischen den Zeilen hervor, der altmodische Stil (inklusive unheilschwangeren Tagebuchaufzeichnungen) fasziniert, und das Grauen schleicht sich unendlich langsam ins Leben des klugen, aufrechten Polizisten. Man könnte glatt glauben, daß „Auftrag in Amlwch“ gegen Ende des 19. Jahrhunderts geschrieben wurde. Und das ist durchaus als großes Kompliment zu verstehen.

Auch sekundärliterarisch gibt es in „Visionarium # 4“ wieder Spannendes, Interessantes und Informatives zu entdecken. Neben Interviews mit dem UFO-Experten und Sachbuchautoren Roland M. Horn sowie dem Schriftsteller und Comicautoren Mike Carey („Felix Castor“, „Lucifer“) entführt uns Jörg Vogeltanz in seine „Guilty Pleasure Zone“ und damit in das Reich des „Nazipunks“. Ausgehend von der grausigen Realität enthüllt der famos geschriebene Artikel gräßliche (Fast?-)Fakten (Vampir-Lager) ebenso wie bizarre Gerüchte (Reichsflugscheiben, die „Glocke“) und alternative Geschichtsszenarien in Romanform („Bitter Seeds“). Fantastische Illustrationen von Timo Grubing, Daniela Barbist und Michael Wittman sowie die unverzichtbare Vorstellung aller am Heft beteiligten Menschen runden das 170 Seiten starke Magazin (ohne die Vorstellungen und die (Werbe-)Hinweise auf andere „Visionarium“-Ausgaben sind es immer noch 130 Seiten) perfekt ab.

„Visionarium“ hat sich innerhalb kürzester Zeit zu meinem absoluten Lieblingsmagazin gemausert. Ich bin sehr gespannt, was die Zukunft noch bringen wird. Die Vorfreude auf viele weitere wunderbare Lesestunden ist jedenfalls sehr groß.

 

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